Margaret Peterson Haddix
Als meine Tochter in die dritte Klasse ging, kam sie eines Tages mit einer Liste nach Hause, auf der die Berufswünsche sämtlicher Kinder ihrer Klasse standen. Die meisten hatten offensichtlich die Berufe ihrer Eltern ausgewählt. Einige wenige jedoch hatten ihre Fantasie walten lassen. Ein Kind wollte gern Spion werden, ein anderes wünschte sich nichts sehnlicher als professioneller Dirtbiker zu werden und ein drittes sah sich als zukünftige Filmregisseurin. Ich betrachtete die Liste und dachte: „Ja, ich gehöre zu den Spionen und Dirtbikern."Auch ich hatte mir als Kind einen Beruf gewünscht, von dem ich nicht glaubte, dass er für normale Menschen erreichbar sei: Ich wollte Autorin werden. Alle Erwachsenen, die ich kannte, waren Farmer (wie mein Vater) oder Krankenschwestern (wie meine Mutter), Lehrer oder Zahnärztinnen, Hausfrauen oder Verkäufer usw. Die einzigen Autoren, von denen ich je gehört hatte, gab es, nun ja, in Büchern.
Ich wurde am 9. April 1964 geboren und wuchs auf einer Farm zwischen den Kleinstädten Washington Court House und Sabina, im Bundesstaat Ohio, auf. Wenn wir früher irgendwo Urlaub machten, sagten meine Eltern ständig Dinge wie: „Könnt ihr mal eine Minute mit dem Lesen aufhören und aus dem Fenster schauen? Wir fahren gerade am Grand Canyon vorbei!" Und dann musste meine Mutter jedes Mal lachen und erklärte: „Genau das haben meine Eltern auch immer zu mir gesagt, als ich noch klein war!" Nachdem ich das Gleiche inzwischen auch zu meinen eigenen Kindern gesagt habe („Legt doch Harry Potter bitte mal zur Seite! Das da draußen ist der Pazifische Ozean!"), frage ich mich, wie viele Generationen das zurückreicht? Wie viele meiner Vorfahren, die nach Amerika auswanderten, mussten ihre Kinder ermahnen: „Legt doch bitte mal die Bücher hin. Seid ihr denn gar nicht neugierig auf unsere neue Heimat?"
Die Menschen, die mir in Büchern begegneten, erschienen mir immer sehr wirklich und wurden zu Freunden meiner Jugend. Da lag es für mich nahe, dass aus meiner Liebe zu Büchern der Wunsch wurde, selbst welche zu schreiben.
Da ich jedoch auch Artikel in der örtlichen Tageszeitung und dem Time-Magazin las sowie Berichte aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise, der „Großen Depression", wusste ich, dass ich nicht einfach drauflos schreiben konnte, sondern erst einmal eine ordentliche Ausbildung absolvieren musste. Als ich aufs College kam, wählte ich „Kreatives Schreiben" als Hauptfach, studierte aber auch Journalistik (und – nur zum Spaß - Geschichte). Abgesehen von den Sommerferien nach meinem ersten Collegejahr, in denen ich als Hilfsköchin in einem Zeltlager meines Jugendklubs arbeitete (was mir unglaublich viel Spaß machte), hat alles, was ich seitdem gemacht habe, in irgendeiner Form mit Schreiben zu tun. Auf dem College arbeitete ich nebenbei für die Studentenzeitung und absolvierte Praktika bei Zeitungen in Urbana, Ohio, in Charlotte, North Carolina, und in Indianapolis, Indiana. Nach dem College arbeitete ich zunächst als Redakteurin bei einer Zeitung in Fort Wayne, Indiana, um bald darauf nach Indianapolis zurückzuziehen und auch dort als Redakteurin zu arbeiten.
Auch wenn es mir damals noch nicht klar war, sammelte ich in diesen frühen Jahren meines Lebens Themen, über die sich schreiben ließ. Auf der High School wirkte ich in Schulaufführungen mit, spielte Block- und Pikkoloflöte in der Marchingband und in Orchestern, sang im Schulchor, arbeitete für die Schülerzeitung, versuchte mich einmal als Langläuferin, war Mitglied des Jugendförderkreises unserer Gemeinde und arbeitete als freiwillige Helferin in meiner Kirchengemeinde und im Jugendklub. (Falls du mich jetzt für ein vielfach begabtes Wunderkind halten solltest, möchte ich darauf hinweisen, dass ich weder singen, noch Theater spielen und als Läuferin nur wirklich gut langsam gehen kann. Doch einer der Vorteile von kleinen Schulen ist, dass sie einen dort so gut wie alles ausprobieren lassen, solange man keine Angst davor hat, sich zu blamieren.) Mit die beste Erfahrung meiner Collegezeit war ein Auslandssemester in Luxemburg. In einem fremden Land zu leben ist eine wunderbare Art, sich zu zwingen, über wichtige Fragen nachzudenken, wie zum Beispiel: „Wer bin ich?", „Was macht mich als Person aus?", „Warum glaube ich an das, was ich glaube?", „Was erhoffe ich mir vom Leben?", „Was prägt die Menschen um mich herum?" „Warum glauben sie an das, was sie glauben?", „Was erhoffen sie sich vom Leben?"
Mehr als alles andere war es meine Zeit als Journalistin, die mir Gelegenheit bot, viele verschiedene Menschen in sehr unterschiedlichen Situationen kennenzulernen. Es hat mich immer wieder erstaunt, dass ich mich mit Leuten zum Gespräch setzen und ihnen ungeheuer neugierige Fragen stellen durfte (die sie mir auch fast immer beantworteten), nur weil ich von der Zeitung war. Als Reporterin war ich lange Zeit für alle möglichen Bereiche zuständig, was bedeutete, dass ich am einen Tag vielleicht über einen Brand berichtete, am nächsten über einen bedeutenden wissenschaftlichen Durchbruch und am übernächsten über einen Politiker. (Und an besonders hektischen Tagen musste ich gleich mehrere, völlig unterschiedliche Ereignisse unter einen Hut bringen.) All diese Geschichten von vielen verschiedenen Menschen und die zahllosen Ereignisse, denen ich beiwohnte, inspirierten mich nicht nur dazu, sie einfach aufzuschreiben, sie brachten mich auch auf die Idee, mir Geschichten und Figuren auszudenken. Reine Fakten reichten mir nicht, ich wollte auch Dinge erfinden.
Für diejenigen unter euch, die Journalisten keinen Glauben schenken, möchte ich darauf hinweisen, dass ich die Fakten der Texte, die ich für die Zeitungen schrieb, keinesfalls verändert habe. Aber wenn ich nach Hause kam, verfasste ich andere Geschichten: solche, die eher meiner Fantasie entsprangen und dem Gefühl folgten, dass es, jenseits der „Fakten", noch eine höhere Wahrheit geben muss. Allerdings war es nicht einfach, nach acht, neun oder zehn Stunden Arbeit an Artikeln und Berichten in meiner Freizeit weiterzuschreiben. Daher hatte ich damals weit mehr Ideen, als ich tatsächlich zu Papier brachte.
Außerdem heiratete ich in dieser Zeit. Mein Mann Doug und ich lernten uns auf dem College kennen, und auch er begann gleich nach dem Studium, als Journalist zu arbeiten. Als man ihm in Danville, Illinois, die Leitung einer Zeitung übertrug, erschien mir das für meine eigene Karriere nicht gerade vorteilhaft, weil es bedeutet hätte, dass mein eigener Mann mein Chef werden würde, wenn ich als Journalistin weiterarbeiten wollte. Ich hielt das für keine gute Idee. Deshalb einigten wir uns darauf, diese verzwickte Situation als meine Chance anzusehen, mich mehr auf das Schreiben von Romanen zu konzentrieren. So entstanden im Laufe der Zeit meine ersten eigenen Werke: „Running Out of Time", „Don't You Dare Read This, Mrs. Dunphrey" und zahlreiche Kurzgeschichten. Während ich daran arbeitete, beschlossen mein Mann und ich, eine Familie zu gründen.
Wie die meisten Autorinnen und Autoren durchlebte ich eine quälende Zeit, in der ich verschiedenen Verlagen meine Geschichten anbot und nichts als Ablehnungsschreiben zurückbekam. Bei mir dauerte diese Phase so lange, dass meine Tochter Meredith bereits eineinhalb Jahre alt und ich mit unserem zweiten Kind, Connor, schwanger war, als ich endlich meine ersten beiden Bücher (gleichzeitig übrigens) unter Vertrag hatte. Das nenne ich ein doppelt- und dreifaches Glück! Allerdings war es ziemlich anstrengend, gleichzeitig frisch gebackene Autorin und Mutter zu sein. In den ersten beiden Jahren schrieb ich immer nur dann, wenn meine Kinder schliefen, obwohl ich in dieser Zeit besser selbst ein Nickerchen hätte machen sollen. Für mich ergab sich daraus ein strenges Kriterium für das, was ich schrieb: Es musste so spannend sein, dass es mich vom Einschlafen abhielt.
Seitdem hat sich mein Leben ziemlich verändert. Von Illinois zog ich mit Mann und Kindern nach Clarks Summit, in Pennsylvania, und von dort nach Columbus, in Ohio. Meine Kinder sind inzwischen Teenager und ich muss mir keine Gedanken mehr darüber machen, dass ich sie mit dem Geklacker der Computertastatur aufwecken könnte. Die Kriterien für das, was ich schreibe, haben sich seitdem jedoch kaum verändert. Wenn mich eine Geschichte nachts nicht schlafen lässt, mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf geht und mich ständig beschäftigt, dann weiß ich, dass es Zeit ist, sie aufzuschreiben.
Deshalb bin ich Autorin geworden.

